In der christlichen Lehre ist der Körper dem Vergessen geweiht. Nur die Seele kann gerettet werden und verdient es daher, nach Ablauf der Trauerzeit in Erinnerung behalten zu werden. Dennoch gibt es Grabdenkmäler. Grabinschriften feiern in ihren Texten die Anwesenheit eines Körpers, der es wert ist, erwähnt zu werden, und dazu bestimmt ist, aufzuerstehen. Diese Form der Erinnerung ist während des gesamten Mittelalters präsent, auch wenn die erhaltenen Beispiele eher aus späterer Zeit stammen: Der Text auf den Grabsteinen erwähnt den Namen, die Titel und das Sterbedatum, enthält jedoch selbst bei prestigeträchtigen und verzierten Denkmälern keine Bildnisse. Es handelt sich in erster Linie um einen Aufruf zum Gebet.
Noch seltener sind Denkmäler, die Leichname bedecken oder den Ort der Inhumierung kennzeichnen, sie jedoch deutlich von heiligen Reliquien unterscheiden. Dabei kann es sich um gravierte, aber unbeschriftete Grabplatten ohne menschliche Darstellungen handeln. Ein einfaches Kreuz reicht aus, um auf die Anwesenheit der sterblichen Überreste eines Bischofs hinzuweisen, auch wenn dieser prestigeträchtig war. Wappen und Wappenschilder lenken die Aufmerksamkeit auf einen hochrangigen verstorbenen Laien.
Um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert entwickelte sich im Zentrum des Königreichs Frankreich eine eigentliche Begräbnisikonografie, die die lebensgroße Darstellung des Verstorbenen mit horizontalen Elementen (Kissen unter dem Kopf, Tier zu Füßen…) und vertikalen Elementen (Faltenwurf, Augen und Hände eines Lebendigen) verband. Im Elsass zeugt das im Musée de l’Œuvre Notre-Dame aufbewahrte anonyme Denkmal von einer sehr frühen Übernahme dieses Modells. Es bleibt jedoch ein Einzelfall.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts findet diese Ikonografie großen Anklang und verbreitet sich sehr schnell. Das Denkmal für Bischof Konrad von Lichtenberg († 1299) ist das erste einer ganzen Serie. Es reiht sich in die alte lokale Tradition der Wandgrabstätten ein, verleiht ihr jedoch neue Dimensionen und aktualisiert sie formal. Vor allem aber integriert es die massive, mächtige Grabfigur. Bischof Berchtold von Bucheck († 1353) geht in seinem eigenen Auftrag noch weiter: Er gründet eine ganze Kapelle, die der Heiligen Katharina gewidmet ist, in die er sein Denkmal gegenüber dem Heiligen Grab Christi integriert.

Diese Denkmäler stellen einen Höhepunkt dar. Zweifellos wurden sie von den Zeitgenossen als übertriebene Würdigung des Verstorbenen empfunden, die bereits zu sehr an die der Heiligen heranreichte. Das Grabdenkmal fand eher seinen Platz auf bescheideneren Denkmälern, insbesondere auf gravierten Grabplatten, auf denen sich nach und nach Darstellungen des Verstorbenen fanden, der halb lebendig (zum Beispiel als zelebrierender Priester) und halb tot (mit geschlossenen Augen) dargestellt wurde.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts führte die kurze sogenannte„morbide Phase” zu einer Erneuerung der Ikonografie. Die Darstellung des Verstorbenen als Leiche erweckt Mitleid, regt zum Gebet an und unterstreicht die Demut des Verstorbenen, der die Gleichheit aller im Tode akzeptiert. Dennoch ist eine vollständige Anonymisierung nie das Ziel: Das Denkmal selbst ist oft kostspielig oder mit einer anderen, besser sichtbaren Stiftung, einer Skulpturengruppe oder einem großen Wandgemälde verbunden. Das Grabmal des Bischofs Konrad von Bussang († 1471), geschaffen von Nicolas von Leyden, umfasste drei übereinanderliegende Ebenen, die den verschiedenen Tendenzen entsprechen: ein Skelett, eine traditionelle Grabfigur und schließlich eine Grabinschrift, auf der Konrad vor einer Madonna mit Kind betend dargestellt ist. Parallel zu diesen Entwicklungen entstand eine weitere Ikonografie: eine bereits anderweitig etablierte Darstellung, nämlich die des betenden Stifters. Der Verstorbene wird kniend am Rand dargestellt, oft in kleinerem Maßstab, aber voller Leben und Aktivität. Einige wenige Denkmäler im Münster zeugen von dieser neuen Entwicklung: Die Ankunft der Reformation in Straßburg beendet diese Tendenzen zur Darstellung eines Verstorbenen.
Julien Louis
Übersetzung: Sabine Mohr
Abb.: Roland Moeglin
