L. Terrier-Aliferis, Ecclesia und Synagoge am Südportal des Straßburger Münsters und ihre Nähe zur Antike

Laurence Terrier-Aliferis ist ordentliche Professorin für mittelalterliche Kunstgeschichte und Museologie an der Universität von Neuchâtel in der Schweiz. Sie sprach am 21. Januar im Münstersaal über die Entwicklung des antikisierenden Stils in der figürlichen Bildhauerei und Plastik an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert. Die beiden großen Standfiguren der Ecclesia und der Synagoge am Südportal des Straßburger Münsters (die Originale sind im Frauenhausmuseum ausgestellt) sind herausragende Beispiele für dieses bemerkenswerte stilistische Phänomen einer Renaissance der Antike im christlichen Mittelalter. Von der figürlichen Plastik des in der Französischen Revolution zu großen Teilen zerstörten Südportals sind nur noch diese beiden Vollplastiken sowie die beiden Bogenfelder im Original erhalten. Ecclesia und Synagoge sind Standardwerke der Kunstgeschichte. Sie sind gut erhalten, trotz des Verlusts der Krone der Synagoge. Man geht davon aus, dass sie die letzten Werke sind, die gegen 1210-1215 das Portal vervollständigten. Der besagte antikisierende Stil kann als Synthese von hergebrachten antiken Stilelementen und mittelalterlichen Innovationen beschrieben werden. Er entwickelte sich in einer Zeit des allgemeinen Aufschwungs: die Bevölkerungszahlen stiegen, die Landwirtschaft, das städtische Handwerk und der Handel blühten auf.

Der Vortrag konzentrierte sich zunächst auf die formale Entwicklung der Kirchenportale in dieser Epoche. Bis zum 11. Jahrhundert beschränkte sich die Ausgestaltung der Kirchen auf den Innenraum, der mit Fresken und Mosaiken geschmückt sein konnte. Ein Wandel begann mit der plastischen Gestaltung der Kapitelle. Diese wurden zu Trägern immer komplexerer Figurenkompositionen. In der Mitte des 11. Jahrhunderts gibt es erste Zeugnisse von Bauschmuck im Außenbereich, doch die eigentliche Geschichte der Portale beginnt Anfang des 12. Jahrhunderts, besonders in Frankreich und im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Die Portalgestaltung wird zu einer eigenen, wichtigen Bauaufgabe, der man besondere Sorgfalt angedeihen lässt. Wachsende Komplexität, Figurenreichtum und häufig auch Polychromie sind zu beobachten. Zunächst werden die Tympana, dann die Türstürze, schließlich, ab ca. 1140, die Gewände plastisch ausgeschmückt. Bis 1220 erreicht diese Tendenz ganz Europa. Die Säulenfiguren an den Portalgewänden erscheinen zunächst im Umfeld von Chartres. Abgelöst werden die Säulenfiguren später von unabhängigen Vollplastiken, die auf Gewändesockeln aufgestellt sind, z.B. in Bourges.

Das Straßburger Südquerhausportal ist Zeugnis einer Übergangsphase. Die früher entstandenen Apostelfiguren, von denen nur einige Köpfe erhalten sind, haben noch keine Baldachine. Diese sind ab ca. 1200 allgemein verbreitet. Die Präsenz von Baldachinen über einer Figur scheint auch eine Hierarchie auszudrücken, sie haben nicht immer nur eine praktische Schutzfunktion: Ecclesia, Synagoge und König Salomon im Zentrum des Südportals waren von großen Baldachinen bekrönt. Das Südportal scheint auch zwei territoriale Tendenzen zu vereinen: im Heiligen Römischen Reich waren die Archivolten meistens ebenfalls glatt, während die Baldachine im französischen Raum am stärksten verbreitet sind.

Es gibt keine Dokumente zum Bidhauer der beiden Figuren, der auch der Schöpfer des ‘Engelspfeilers’ ist, aber man vermutet aus stilistischen Gründen eine Verbindung zu dem Meister, der am Lettner in Chartres tätig war. Die Szene von Christi Geburt im dortigen Relief zeigt ähnliche Faltenwürfe, die Gewänder umschließen den Körper fast transparent, lassen die Anatomie, die einzelnen Körperteile erscheinen. Auch mit der Synagoge von Reims besteht eine starke Ähnlichkeit. Die Körperlichkeit und die Haltung der Figuren dieser Zeit wird realistisch, es gibt Anklänge an den antiken Kontrapost. Diese neue antikisierende Formensprache in der Plastik kann man zwischen 1180 und 1230 im nördlichen Teil von Europa und in Südengland beobachten. Man findet sie auch in den Werken des berühmten Goldschmieds Nikolaus von Verdun. Der Reliquienschrein der Heiligen Drei Könige in Köln ist ein wichtiges Beispiel für den neuen Stil. In dieser Stadt hatten sich viele antike Zeugnisse erhalten. Das gilt auch für Reims und andere Kunstzentren.

Ecclesia und Synagoge in Straßburg nehmen innerhalb der Kunstgeschichte eine besondere Stellung ein, denn sie sind die ersten bekannten, fast vollständigen Vollplastiken aus dieser Zeit (die Rückseite ist nicht ganz ausgearbeitet). Diese Technik war nördlich der Alpen in Vergessenheit geraten. Es gab Vorläufer während der Karolingischen Renaissance, doch diese beiden Figuren sind die ersten, die in einem architektonischen Zusammenhang entstanden. Allerdings nehmen sie stilistisch eine Sonderstellung ein. Was ihre Körperproportionen angeht, stehen sie mit einem Verhältnis von 1 : 7,84 zwischen den beiden antiken Proportionssystemen von Polyklet (1:7) und Lysippos (1:8). Ihre Haltung entspricht allerdings nicht wirklich dem klassischen Kontrapost, denn beide Knie erscheinen gebeugt – was in der monumentalen Skulptur äußerst ungewöhnlich ist.

Es gibt weitere Übernahmen aus der antiken Formensprache. Die Figuren des Engelspfeilers weisen Verzerrungen auf, die auf optische Täuschung abzielen, wie in der antiken Plastik. Der Blick von unten wurde miteinkalkuliert, um die Figuren in ihren Proportionen realistisch erscheinen zu lassen. Christus als Weltenrichter übernimmt die Haltung eines sitzenden Jupiters. Auch die Tympana scheinen auf verschiedenen Blickrichtungen ausgerichtet: die weibliche Figur vor dem Sterbebett der Jungfrau verschwindet, wenn man unter dem Portal steht, während die Apostelköpfe weiter sichtbar bleiben.

Die Reste antiker Architektur und Plastik, die in vielen ehemalig römischen Städten bis ins 13. Jahrhundert (bis zu den großen Stadterneuerungen) noch zahlreich vorhanden waren, scheinen in dieser Zeit neu betrachtet worden zu sein. In Texten des 11. und 12. Jahrhunderts findet man schon Beschreibungen, die die Naturnähe und den lebendigen Eindruck der Plastiken unterstreichen. In diesem Zusammenhang sind die Straßburger Ecclesia und Synagoge sehr frühe und formal sehr ausgereifte Beispiele für die Aneignung antiker Formensprache und deren Anreicherung mit neuen inhaltlichen Impulsen.

Sabine Mohr

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