Michael Burger, Die Narratologie der Südenseitenschifffenster im Straßburger Münster

Die in den 1330er- und 40er-Jahren entstandenen fünf Fenster des Südseitenschiffes im Straßburger Münster zeigen einen umfangreichen, aus zahlreichen Einzelszenen bestehenden Bildzyklus mit dem Wirken Christi auf Erden nach dem Neuen Testament. Doch wird der altbekannte Stoff hier neu erzählt, werden eigene Schwerpunkte gesetzt und mit Exkursen einzelne Begebenheiten näher erläutert. Vor allem aber wurde die Erzählung überzeugend in fünf große Kapitel gegliedert:

Zunächst erzählt das erste, östliche Fenster von der Herabkunft Christi auf Erden durch die zweifache wunderbare Geburt: Christus wurde wundersam von einer Jungfrau, Maria, geboren, die wiederum wundersam von einer Greisin, Anna, geboren worden war. Dem Inhalt folgend richtet sich die Erzählrichtung hier von oben nach unten, denn Christus kam ja als Menschensohn auf Erden herab.

Das zweite Fenster erzählt von Christi Wirken in seinem öffentlichen Leben und von seinen vorbildhaften Handlungen, das dritte die Geschichte seines Leidens und seiner Passion, kulminierend im Opfertod auf dem Berg Golgatha in der obersten Zeile. Im vierten Fenster sind Christi Höllenfahrt und Auferstehung bis zur Himmelfahrt zu sehen, das fünfte handelt schließlich von seiner versprochenen Wiederkehr am Tag des Jüngsten Gerichts.

Hinter der Gesamtverglasung steckt eine großartige Konzeption, die mit rhetorischen Mitteln wie motivischen Wiederholungen, Bezugnahmen und Rückschlüssen arbeitet und sogar intermedial Schriftlichkeit und Poesie mit einbezieht. Denn zahlreiche Szenen wurden mit volkssprachlichen, d.h. deutschen Inschriften versehen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die dargestellten Inhalte in vergangenen Zeiten Betrachtern vermittelt wurde.

Der Fensterzyklus ist ein großartiges Buch, mehr noch: Glas gewordene Literatur des Mittelalters, dessen inhaltliche Erforschung aber gerade erst beginnt.

Sabine Bengel
Abb. : CVMA Deutschland, Freiburg-im-Breisgau/Andrea Gössel

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