François Muller, Diakon am Münster und Fremdenfüher, hielt am 8. April 2026 einen Vortrag über den Skulpturenschmuck der Tympana an den drei Portalen der Westfassade des Straßburger Münsters. Nach einer kurzen baugeschichtlichen Einführung (Bau der Westfassade ab 1277, unter der Leitung von Erwin von Steinbach bis 1318, Unklarheit der Datierung des Figurenschmucks) und der Erinnerung daran, dass man sich den Figurenschmuck in lebhaften Farben vorstellen muss, erklärte Muller nacheinander detailliert die Szenenabfolgen am nördlichen und am mittleren Tympanon (das Leben Jesu‘ links, Passion und Auferstehung im Zentrum), die von unten nach oben und von links nach rechts ‚gelesen‘ werden. Das südliche, rechte, Tympanon zeigt eine einzige übergreifende Szene, das Weltgericht.

Das untere Register des linken Tympanons (an dem nach den Beschädigungen in der Revolution zahlreiche Köpfe ersetzt werden mussten) beginnt mit der Darstellung der Epiphanie, die in der Region häufig vorkommt: Kaiser Friedrich Barbarossa hatte die Reliquien der heiligen drei Könige 1162 aus Mailand nach Köln überführt. Der Tross machte u.a. auch in Straßburg Halt. Die Weisen aus dem Morgenland waren Thema eines bekannten mittelalterlichen Mysterienspiels (Officium Stellae). In Kaysersberg sind 1978 Gewand-Reliquien wiedergefunden worden, die den drei Königen zugeschrieben werden. Schon das Tympanon des romanischen Portals des nördlichen Querhausportals (heute in der Chorgalerie aufbewahrt) zeigte den Besuch der Könige in Bethlehem. Auch am nördlichen Querhausportal vom frühen 16. Jahrhundert findet sich die Szene, in monumentaler Ausformung.
Auf dem Tympanon am nördlichen Westportal beginnt die Geschichte mit ihrem Besuch bei dem König von Juda, wo sie sich nach dem neugeborenen König der Juden erkundigen. Die Szene ist lebendig gestaltet, der ältere König steigt mit Hilfe eines jungen Pagen schon wieder aufs Pferd, sie sind in Eile. Im Register darüber folgt der Bethlehemitische Kindermord mit eindringlichen Szenen und entsetzten Müttern. Währenddessen sind Maria und Josef mit Jesus auf der Flucht nach Ägypten – der Esel scheint schon müde zu sein. Im oberen Register sieht man die Darbringung im Tempel: Am 8. Tag nach Jesu‘ Geburt präsentiert Marie ihren Sohn im Tempel. Über der Szene mit dem Priester Simeon ist heutzutage ein Engel mit zwei Kronen zu sehen. Ursprünglich handelte es sich um einen Engel mit zwei Spruchbändern, möglicherweise mit Inschriften zu dem Thema der weltlichen und geistlichen Herrschaft. Eine Zeichnung mit der Darstellung des Tympanons befand sich, vor ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, im ‚Wissenschaftlichen Institut der Elsass-Lothringer im Reich‘ (1921-1945), in Frankfurt. Zwei andere Details entsprechen nicht der ursprünglichen Ikonografie: die Könige folgen heute einem Stern, der von einem Schleier halb verdeckt ist, und in der Fluchtszene trugen Maria und Jesus Kronen. Andererseits hat man verschiedenen Figuren im 19. Jahrhundert Turbane hinzugefügt.
Das sehr viel größere, weitgehend original erhaltene Tympanon über dem Mittelportal (das dem Erzbischof vorbehalten ist) zeigt die Passionsgeschichte, die Auferstehung und die Himmelfahrt Christi. An anderen Kathedralen findet man am häufigsten das Jüngste Gericht, in Straßburg ist diese Darstellung am rechten Westportal zu sehen. Im unteren Register wurden zwei biblische Szenen zusammengefasst: der Einzug in Jerusalem – man empfängt den auf einem Esel reitenden Jesus, indem Teppiche ausgebreitet werden – und der Einzug in Jericho – der Steuereintreiber ist auf einen Baum geklettert.
Das letzte Abendmahl schließt sich an, mit einer kleinen Rückenfigur, die auf einem vorkragenden Schemel vor der Tafel sitzt, sicherlich Judas. Darauf folgen mehrere Szenen auf sehr engem Raum: Jesu‘ Gefangennahme mit dem Judaskuss, Petrus, der dem Diener ein Ohr abgehauen hat, das von Jesus wieder angefügt wird. Die Hauptfiguren sind umgeben von Söldnern, die überleiten zur Szene mit dem Hohenpriester, in der Jesus geohrfeigt wird. Der Priester und Pontius Pilatus, oder Kaiphas (?), zeigen dieselben Reaktionen, abwehrende Gesten, die die Verantwortung für das Geschehen ablehnen. Bei der Geißelung und Dornenkrönung sind sowohl Soldaten als auch Juden zugegen, zu erkennen an den spitzen Hüten.
Die Kreuztragung gibt Rätsel auf: die Frauenfigur mit den Nägeln könnte die Frau des Schmieds sein. Doch die Rückenfigur mit Mantel und Kappe ist ungeklärt. François Muller schlägt vor, hier ein Identifikationsangebot an den Betrachter zu sehen. Außergewöhnlich ist, dass das Kreuz der Kreuzigungsszene im Zentrum nicht auf dem Schädel Adams ruht, sondern ein komplettes Skelett zu sehen ist. Allerdings verläuft das unbehauene Kreuz der Kreuztragung links davon am unteren Ende direkt auf den Schädel zu. Die Darstellung eines Skeletts ist sehr selten im Mittelalter. Der Straßburger Sandstein-Skelett war in der Revolution verschwunden, dann 1830 bei einem Pariser Händler wieder aufgetaucht und zurückgekauft worden. Neben dem Kruzifix stehen Ekklesia und Synagoge, deren Augen im Gegensatz zum Südportal von dem Schwanz eines Untiers auf ihrem Kopf ‚verbunden‘ sind. Wie seit Beginn des 13. Jahrhunderts üblich ist Jesus mit drei und nicht mehr mit vier Nägeln ans Kreuz geschlagen – möglicherweise symbolisch gedacht als Verweis auf die Dreieinigkeit. Es gibt weder Kreuzabnahme noch Grablegung, sondern nur das leere Grab, mit einem sitzenden Engel, den schlafenden Wachsoldaten, Köpfen mit spitzem Hut, und den drei Marien am Ostermorgen. Darüber, links, sieht man die große Figur des Judas‘, der sich aus Reue über seinen Verrat erhängt hat. Ein Ziegenbock frisst seine Eingeweide aus dem Rücken und hat eine Erektion. Vor den Beschädigungen in der Revolution wand sich eine Schlange aus seinem Rücken. Rechts daneben beginnt die Darstellung der Vorhölle, ein aufgesperrter Rachen mit zwei teuflischen Monstern. Von dem einen sieht man den After und die Hinterbeine rechts der Zunge, die wie ein Kessel geformt ist, links davon sein grimassierendes Gesicht. Das zweite Monster wird von der Tür zur Vorhölle niedergedrückt. Das Tor war von Jesus geöffnet worden, um Adam und Eva zu entlassen. Die Gestalt eines Jünglings entsteigt dem Rachen, eine zweite steht schon außer Reichweite der Monster. Möglicherweise sollen beide die Kinder von Adam und Eva darstellen. Im rechten Teil desselben Registers sieht man zwei Erscheinungen von Christus nach seiner Auferstehung: Noli me tangere, und die Thomasgeschichte. Der theologischen Lehrmeinung zufolge sollten auch die Jünger nicht den auferstandenen Jesus anfassen, wie es in der Darstellung der Fall ist. Allein der Glaube und das Gebet können ihn ‚berühren‘. Ganz rechts, hinter der verschlossenen Tür, sitzt ein Hund, Symbol der geduldigen Erwartung und der Treue, ein Gegenstück zu dem Ziegenbock links. Ganz oben ist Christi Himmelfahrt zu sehen.
Das südliche Westportal, rechts, zeigt auf drei Etagen das Letzte Gericht. Unten erscheint das gemeine Volk, das aus den Gräbern steigt. Darüber die Großen dieser Welt: rechts speit eine Kreatur Feuer, die Verdammten – vier Bischöfe, drei Könige – haben ein Seil um den Hals und werden dorthin abgeführt. Links sieht man die Auserwählten, einen Bischof, einen Rabbiner, eine Königin – oder die Jungfrau Maria als Mittlerin? Im dritten Register sitzt Christus der Weltenrichter mit den Stigmata und den Leidenswerkzeugen. Die Ikonografie ist original, doch die meisten Köpfe mussten ersetzt werden.
Sabine Mohr
