Ein halbes Jahr lang blieb sie stumm. Ende Juni hat die Glocke, welche die Ausgangs- bzw. Sperrstunde einläutet – im Volksmund liebevoll auch „Zehnerglock“ genannt – , ihren Dienst wieder aufgenommen. Aufgrund eines starken Verschleißes der Lager, die die Schwingung der Glockenachse ermöglichen, musste die Glocke im Dezember 2025 außer Betrieb genommen werden. Seitdem übernahm stattdessen die Glocke, die das Mittags-Angelus läutet, auch die Ankündigung der abendlichen Sperrstunde. Einigen Bürgern der Stadt fiel schnell auf, dass etwas nicht stimmte: Der gewohnte, etwas strenge Klang der Zehnerglock ertönte nicht mehr, so riefen sie besorgt bei den verschiedenen Dienststellen im Münster an und fragten nach, was denn nun los sei.

In der zweiten Junihälfte wurde der Schaden behoben. Dafür war die Demontage der Zehnerglock und ihres Klöppels erforderlich. Die Firma Voegele aus Straßburg-Königshoffen wurde als Fachunternehmen damit beauftragt. Im Holzgerüst aus dem 16. Jahrhundert wurden neue Lager mit Kugellagern eingebaut. Man nutzte die Demontage der Glocke, um auch den defekten Bügel zu ersetzen, der den Klöppel beim Läuten führt, sowie die Kappe und den Lederriemen, mit denen der Klöppel an der Glocke befestigt wird. Nach Tests Ende Juni läutet die Glocke nun wieder jeden Abend um 22:05 Uhr.
Das Läuten zur Ausgangssperre gehört zur Klanglandschaft der Stadt Straßburg. Die Zehnerglock zählt zu den historischen Glocken des Münsters. Diese etwa 2 200 kg schwere Glocke wurde 1786 in den Werkstätten von Mathieu III. Edel, einem Straßburger Glockengießer, gegossen und kündigte zunächst morgens die Öffnung und abends die Schließung der Stadttore an – sie wurde entsprechend „Torglocke“ genannt. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie für das Läuten der Ausgangssperre um 22 Uhr eingesetzt, als ihre Vorgängerin von der Ausgangssperren- zur Uhrzeitglocke umfunktioniert wurde. Hin und wieder wird behauptet, das Läuten der Ausgangssperre erteilte einst den Juden den Befehl, die Stadt bei Einbruch der Dunkelheit zu verlassen. Dies ist allerdings historisch gänzlich falsch. Die unheilvolle Praxis der Vertreibung von Menschen jüdischen Glaubens, die zwischen dem 14. Jahrhundert und der Französischen Revolution vorherrschte, wurde durch ein Horn namens „Grüsselhorn“ angekündigt, das vor dem Schließen der Stadttore von der Plattform des Münsters aus geblasen wurde. Dem Klang dieses Horns gingen acht oder neun Glockenschläge der Stadtratsglocke voraus, die während der Beschlagnahmungen im Zuge der Französischen Revolution zerstört wurde.
Zwar war die Kirchenverwaltung für die Bauleitung zuständig, doch wurden die Kosten des Vorhabens in Höhe von 16 560 € vollständig vom Straßburger Münsterverein im Rahmen einer Fördermaßnahme übernommen. Nachdem der Verein vor kurzem bereits zur Anschaffung von neuem liturgischem Mobiliar für die St.-Laurentius-Kapelle sowie zur Renovierung der Chororgel beigetragen hatte, setzt er damit sein Engagement im Dienste des Münsters fort.
Olivier Tarozzi
Übersetzung: Stéphanie Wintzerith
